Locarno 2026

AT NIGHT- Sexuelle Divergenz im Rhythmus der Pariser Nacht

Wenn zu Beginn die U-Bahn aus dem Tunnel fährt und dazu Alice Notleys Stimme mit den Worten „I am the tone of voice“ erklingt, ist man bereits im Bann von Regisseurin Beatrice Gibsons AT NIGHT.

Das Suchen nach Begegnung über Sprachnachrichten beim Durchstreifen der Pariser Nacht. Einsamkeit als Identifikationsmoment. Der Film spricht diejenigen an, die dieses Gefühl kennen, sich dieselben Fragen stellen – und Paris in genau jener Rohheit lieben.

Die Filmemacherin B (Beatrice Gibson) ist auf Locationsuche in Paris und kontaktiert Didi (Diocouda Diaoune), eine ehemalige Hausangestellte, per Sprachnachricht. Sie entschuldigt sich bei ihr und erzählt von ihrem Plan, einen Film über nackte Männer zu drehen. Didi ist alleinerziehende Mutter, lebt in einer Sozialwohnung und träumt von einer lesbischen Liebe.

„She can’t do what she wants to do with her own body.“

Das Streifen durch die nächtliche Stadt ist eines durch die eigene Seele.

Dieser Rhythmus der Nacht ergänzt sich mit einer auffälligen Kameraästhetik: Intimität durch Bildausschnitte, die etwas auslassen: Die Kamera als Voyeur trägt ein eigenes Bewusstsein von Schamgefühl. Das letzte Geheimnis , das bewahrt bleibt , trotz ihrer Nähe. Darin liegt der Reiz und Sog, den AT NIGHT erzeugt.

Die Begegnungen der vier Protagonistinnen und ihre Suche nach einem Leben, das sich normativen Erwartungen entzieht, bilden den Kern des Films.

Trotz ihrer unterschiedlichen sozialen Herkunft verbindet sie das Gefühl des Aussenseitertums in einem urbanen Umfeld, das vonmaskulinen Denkstrukturen designt und dominiert wird. Die Stadt als Sinnbild moderner patriarchaler Hegemonie.

„Feminismus ist eine Theorie, lesbischer Sex nicht“, sagt Didi. Eine der Frauen wollte nie Kinder. „Birth is a war zone.“

Die Begegnung mit zwei Transfrauen führt schließlich zu einer Schlüsselszene, in der eine Prostituierte von ihrer Vergewaltigung erzählt.

AT NIGHT wirkt wie ein Trip durch die Unterwelt von Paris. Der Film bewegt sich überwiegend durch flüchtige Orte, durch U-Bahnen und die Stadt bei Nacht, und findet darin ein Bild für die verborgenen Sehnsüchte seiner Protagonistinnen.

In dieser Ehrlichkeit liegt ungeheure Kraft.

Von Stella C. Dunze