Biennale Cinema 2026
BUCKING FASTARD – Die Geologie weiblichen Begehrens
Ist es ein Verbrechen, zu lieben?
Werner Herzog widmet seinen neuesten Film BUCKING FASTARD dem großen David Lynch und nähert sich stilistisch seiner Ästhetik.
Hat Werner Herzog damit einen feministischen Film gedreht?
Zumindest lässt sich der Film, der auf einer wahren Geschichte beruht, als eine männliche Perspektive auf die rätselhaften Tiefen der weiblichen Psyche lesen.
Die Zwillingsschwestern Jean (Kate Mara) und Joan (Rooney Mara) leben mental in einer anderen Zeit, sprechen und bewegen sich synchron. Und begehren beide ihren Nachbarn Gareth Mulroney (Orlando Bloom) in gefährlicher Obsession. Der Film beginnt mit einer Gerichtsverhandlung, in der den beiden Frauen vorgeworfen wird, sie hätten Mulroney mit ihrem SUV angefahren und töten wollen.
Alles begann ausgerechnet bei einem sonntäglichen Kirchgang.
Hinter der frommen Fassade brodelt das obsessive Verlangen nach Mulroney, der demnächst heiraten will, und nimmt seinen Lauf. Nach mehreren intimen Begegnungen weist er sie unerwartet ab. Im Gerichtssaal nennen sie ihn daher versehentlich „Bucking Fastard“.
Verdient gegenseitiges Begehren keine Anerkennung?
Aus der Sicht der beiden Schwestern muss enttäuschte Liebe ein Recht auf Vergeltung haben.
Herzogs Film erinnert an einen surrealen Traum, vielmehr noch an eine narzisstische Spiegelung eines weiblichen Ichs: Zwei Schwestern lieben sich, als wären sie eins. Und darin liest sich eine Referenz zu Lynch.
Herzog selbst spricht von einem Traum, von Poesie und davon, dass an dieser Welt nichts realistisch sei. Die Landschaft wird zur „Landschaft der Seele“.
Ihr züchtiges Erscheinungsbild und die Vision der eigenen Hochzeit widersprechen jedoch ihrem ungezügelten Begehren. Der Mann bleibt unerreichbares Objekt der Begierde und Feindbild zugleich, von dem keine wahre Liebe zu erwarten ist.
Was übrig bleibt, ist das Begehren des weiblichen Spiegelbilds. Möglicherweise ist heterosexuelle Liebe ein unerreichbares Ideal.
Doch es bleibt die Perspektive eines Mannes auf weibliches Begehren – und genau darin lässt sich der Film auch kritisch lesen.
Zwar beruht BUCKING FASTARD auf einer wahren Geschichte; die obsessive Beziehung der Schwestern und ihre mentale Verfasstheit sind also nicht allein Herzogs Erfindung. Entscheidend ist jedoch, wie er daraus seine filmische Welt konstruiert. Weibliches Begehren erscheint darin nicht nur als obsessiv und maßlos, sondern zugleich in unmittelbarer Nähe zu mentaler Dysfunktion und Realitätsverlust. Damit stellt sich die Frage, ob der Film weibliches Begehren tatsächlich befreit – oder es durch seine Inszenierung erneut pathologisiert.
Gerade in diesem Traumhaften mit seinen Verschiebungen und Metaphern erhält das ehrgeizige Ziel der beiden Schwestern, einen Tunnel durch einen riesigen Gesteinsfelsen bis zum Sehnsuchtsort der schottischen Orkneys zu schlagen, eine sexuelle Dimension. Herzog bezeichnet die Höhle selbst als eine Art „Co-Autor“ des Films.
Das obsessive Graben wird dabei zur beinahe phallischen Geste: Die Frauen dringen in den Fels ein und besetzen damit selbst eine aktive, penetrierende Position. Das Begehren, das sich am Mann nicht erfüllen kann, verschiebt sich in die Landschaft. Der Tunnel wird zur vergeblichen Suche nach dem Unerreichbaren – nach der wahren Liebe, vielleicht aber auch nach einer weiblichen Lust, deren Erfüllung sich immer weiter entzieht.
Umso widersprüchlicher erscheint die unmittelbare Fantasie der Hochzeit. Trotz aller Entgrenzung ihres Begehrens bleibt die romantische Vereinigung mit dem Mann ein Ideal der Schwestern. Selbst dort, wo sie sich zunehmend von der realen Welt entfernen, bleibt ihr Begehren damit an jene heterosexuelle Vorstellung von Erfüllung gebunden, an der es zuvor gescheitert ist.
„Everybody should dig a tunnel.“
Am Ende des Tunnels öffnet sich eine überwältigend schöne Tropfsteinhöhle – ein organisch anmutender Innenraum, der die sexuelle Metaphorik noch einmal verschiebt. Auf die phallische Bewegung des Eindringens folgt nicht der ersehnte Mann, sondern die Entdeckung eines verborgenen Inneren.
Was sie erwartet, ist das ewige Licht im Ultimativen. Was dieses Ultimative letztlich verspricht, deutet Herzog nur an. Doch möglicherweise liegt genau darin die größte Illusion.
von Stella C.Dunze