Filmfest Hamburg
Bangui – eine Stadt der Träume
In Congo Boy erzählt Rafiki Fariala von einem jungen kongolesischen Geflüchteten in Bangui, der zwischen Armut, Verantwortung und Gewalt seinen Träumen einer Musikerkarriere festhält. Eine fiktionale Geschichte, die tief in der eigenen Biografie des Regisseurs verwurzelt ist – und einem abstrakten politischen Begriff ein Gesicht gibt.
von Stella C.Dunze
Congo Boy von Rafiki Fariala ist ein Film für jeden AfD-Wähler und jede AfD-Wählerin.
Die bittere Armut, Gewalt und Ungerechtigkeit, die Fariala in einem dokumentarischen Erzählstil in eine fiktionale Geschichte überführt, ist seine eigene. Und plötzlich wird aus dem objektivierten „Flüchtling“, einem vermeintlichen „Schmarotzer“, ein Mensch.
Fariala argumentiert nicht über Flucht – er erzählt einen Menschen. Er erzählt einfach seine Geschichte. Und sie zeigt, wie ungerecht die Verteilung auf dieser Welt ist. Ohne Kitsch. Ohne Vorwürfe.
Robert (Bradley Fiomona Dembeasset) lebt mit seinen Geschwistern in einer Hütte mit Wellblechdach. Ohne Wasser und Strom. Schutz bietet ihnen ein General, der im Haupthaus wohnt. Die Familie ist vor dem Krieg aus dem Kongo geflüchtet, Roberts Eltern sitzen wegen gefälschter Papiere im Gefängnis.
Die Härte schlägt Robert jeden Tag ins Gesicht. Er arbeitet an einer Waschstraße. Das mühsam verdiente Geld, das er für seine Schulausbildung, Wasser und Essen für seine Familie braucht, wird ihm auf der Straße gewaltsam von Rebellen abgenommen. Kameramann Adrien Lallau schafft dabei eine unmittelbare Nähe, die den Zuchauer oder Zuschauerin in den Bann zieht.
Man fragt sich, wie man es in dieser Welt aushalten und dennoch fröhlich sein kann. Eine Armut, die keine Steigerung mehr kennt. Nur Träume und eine Welt der Abweisungen.
Roberts größter Traum ist eine Karriere als Rapper – und ein Schulabschluss, um seinem Vater zu imponieren. Von Rap-Musik will dieser nichts hören. Durch die Gitterstäbe des Gefängnisses trichtert er Robert das Medizinstudium ein: Er soll den ganzen Tag arbeiten und nachts lernen.
Nicht Elend ist der eigentliche Gegenstand des Films, sondern Roberts Beharren auf einem Leben, das mehr sein soll als Überleben. Fariala verweigert damit die Reduktion Roberts auf „den Flüchtling“.
Congo Boy hängt in den Clubs von Bangui ab und träumt, wenn er nicht für ein bisschen Geld schuftet oder für die Schule paukt. Das Berührende ist die Stärke dieses Jungen – und die Authentizität, die in jedem Detail des Films steckt.
Fariala individualisiert einen Menschen, der im politischen Diskurs zur Kategorie geworden ist. Und er tut das ohne moralische Belehrung. Während man immer tiefer in Roberts Welt versinkt, löst sich die Vorstellung vom Fremden auf. Seine Wünsche sind nicht fremd: Anerkennung, Freiheit, eine Zukunft, Liebe, Musik.
Die Feinde, das sind andere. Das Fremde existiert nicht.