Lichter Filmfest

In Wien über Leichen gehen

Isabelle Huppert als Vampirin – und mit ihr zerfällt Freuds Ordnung.

Die unsterbliche Isabelle Huppert ist bereit für die Ewigkeit.

Als lesbische Vampirin steigt sie für Regisseurin Ulrike Ottinger aus den unterirdischen Gefilden Wiens wieder auf. Wien, die Heimat von Sigmund Freud und seiner revolutionären und umstrittenen Psychoanalyse. In „Die Blutgräfin“ rechnet die feministische Filmemacherin mit der „Pseudowissenschaft“ endgültig ab: mit Humor und einem zwinkernden Auge.

Es wirkt zuerst wie eine rote Pupille, wenn Isabelle Huppert alias Erzsébeth Báthory in einer umwerfenden roten Robe über einem See der Tropfsteinhöhlen Wiens mit ellenlanger Schleppe empor steigt. Aus den Katakomben weiblicher Repression vielleicht, aber auch aus etwas Älterem. Die Blutgräfin hat Jahrhunderte überlebt. Sie kennt die Systeme längst.

Es ist eine Hommage und gleichzeitig eine genial humorvolle Selbstkarikatur auf den Mythos der „Femme Fatale“ und mit ihr der psychoanalytischen Filmtheorie nach Sigmund Freud. Die große Ikone methaphorisiert sich selbst und zeigt damit Humor. Gerade darin liegt die Genialität hinter Ulrike Ottingers filmischer Konzeption. Und Huppert spricht sogar deutsch.

Unter Wien liegen die Abgründe seiner Geschichte. Die Tropfsteinhöhle, gebaut von Hitlers Zwangsarbeitern. Die Geschichte sickert durch den Film, aber sie wird nicht aufgearbeitet. Zwei alternde Professoren reisen an, um ein Buch zu finden, das Vampire wieder sterblich machen soll. Offiziell geht es um die Sprache der Fledermäuse. In Wahrheit geht es um patriarchale Kontrolle.

Im Hotel „Königin von Ungarn“ kippt alles ins Surreale. Wenn die Blutgräfin als Objekt der Begierde erscheint, wird sie angebetet, gleichzeitig gefürchtet. Und sofort wieder in ein System eingeordnet, das sie längst hinter sich gelassen hat.

Natürlich ist alles nur eine Halluzination.

Zusammen mit der Zofin Hermine (Birgit Minichmayr) hat sie eine Affäre. Die beide waren schon Patientinnen Freuds. Immer auf der Höhe der Zeit, sind sie Figuren virtueller Reproduzierbarkeit, die sich nicht mehr analysieren lassen.

Lars Eidinger spielt den Psychotherapeuten Theobald Tandem, der versucht, das auseinanderfallende Subjekt, Bárthories Neffe Baron Rudi Bubi von Strudl zur Buchtelau (Thomas Schubert), wieder von seiner paranoiden Fixierung zu stabilisieren. Ein aussichtsloses Unterfangen.

Der Höhepunkt dieser skurrilen Reise ist schließlich die Auferstehung der kleinen Gräfin (Christine Urspruch) im pathologischen Museum von Wien. Eine sensationelle Überraschung!

Der Film ist eine surreale Zeitreise in einer gefühlten Achterbahnfahrt , die im Riesenrad des Praters endet: ein filmisches Spektakel in ungezügelter Manier. „Die Blutgräfin“ ist kein Film über die Psychoanalyse. Es ist ein Film darüber, was passiert, wenn sie ihre Gültigkeit verliert: eine Hommage an Isabelle Huppert.

von Stella Christine Dunze

Ein Gespräch mit Lars Eidinger→