Filmfest Hamburg

Götter der Natur

von Stella C. Dunze

n Elefanten im Nebel verbindet Abinash Bikram Shah die Geschichte einer nepalesischen Kinnar-Gemeinschaft mit einer poetischen Naturmetaphorik. Ein Film über Queerness, familiäre Bindung und gesellschaftliche Ausgrenzung – und über Elefanten, die niemals erscheinen und dennoch allgegenwärtig sind.

Abinash Bikram Shahs Elefanten im Nebel ist eine Hommage an Elefanten. Die Gefahr, die von ihnen ausgeht, besitzt dabei eine doppelte Bedeutung. Shahs poetisches Spiel mit dieser Bedrohung und ihrer metaphorischen Aufladung erzeugt eine ungewöhnliche Spannung, die sich in einer grandiosen Bildsprache entfaltet.

Die komplexen familiären Beziehungen offenbart Shah erst allmählich. Am Anfang steht eine zärtliche Mutter-Tochter-Beziehung in einem kleinen Dorf in Nepal. Piratis erwachsene Tochter Apsara begegnet der von ihrer Mutter verehrten Elefanten zunächst mit Ironie. Ihre Provokationen werden zunehmend zum Mittel, Aufmerksamkeit einzufordern.

Währenddessen versuchen die Dorfbewohner, ihre Ernte mit Vogelscheuchen vor den Elefanten zu schützen. Bemerkenswert ist, dass die Tiere selbst nie erscheinen. Gerade ihre Abwesenheit verleiht ihnen eine beinahe mythische Präsenz.

Pirati, eine Transfrau, ist innerhalb der hinduistischen Kinnar-Gemeinschaft die Matriarchin einer Gruppe von Transfrauen. Sie selbst hat drei Töchter adoptiert. Symbolisch sind sie mit Guru Mata verheiratet, ebenfalls eine Transfrau, die sie gegenüber der konservativen Dorfgemeinschaft beschützt. Innerhalb der Kinnar-Gemeinschaft gelten Transfrauen als Ausdruck göttlicher Kraft.

Pirati begehrt einen anderen Mann außerhalb der Gemeinschaft und träumt davon, mit ihm auf einem Fahrrad zu fliehen. Gemeinsam wollen sie alles hinter sich lassen und in Neu-Delhi, an einem Ort hinter dem Nebel, ein neues Leben beginnen.

Für Apsara scheint die bevorstehende Trennung von ihrer Mutter unerträglich. Sie rebelliert auf ihre Weise und widersetzt sich den traditionellen Zeremonien: Während der wiederkehrenden Hochzeitsrituale tippt sie demonstrativ auf ihrem iPhone und entzieht sich damit der gemeinschaftlichen Ordnung.

Kurze Zeit später verschwindet Apsara spurlos. Da sie eine Beziehung zu einem Rikschafahrer unterhält, gerät dieser in den Verdacht, ihr etwas angetan zu haben.

Elefanten im Nebel wurde bereits mit dem Jurypreis in der Sektion Un Certain Regard bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes ausgezeichnet und ist Nepals offizieller Beitrag für die Kategorie „Bester Internationaler Film“ bei der Oscarverleihung 2027.

Shah gelingt mit der metaphorischen Verbindung von Natur und Queerness ein gesellschaftlich vielschichtiges Bild. Die Elefanten bleiben ungreifbar und sind doch allgegenwärtig. Was hinter dem Nebel liegt, erscheint bedrohlich – und zugleich von einer beinahe sakralen Kraft.

Anderssein ist ein göttliches Zeichen. Der Wald und seine Elefanten sind die Gesandten.