Kinostart

Wenn Sex zur Metapher wird

IM REICH DER SINNE von Regisseur Nagisa Ōshima wurde 1978 veröffentlicht und war ein Skandalfilm.

Am 11. Juni startet der Filmklassiker in restaurierter 4K-Fassung in den Kinos.

Er sprengte die Grenzen jeglicher Scham und verhandelte geschlechtsspezifische Machtstrukturen neu.

Mit Erotik hat der Film wenig zu tun.

Sex als Narrativ

Ōshimas Film lässt sich freudianisch seitenweise zu Tode analysieren. Wenn man das täte, wäre es wie eine zweite Kastration. Die Außenwelt und die Gesellschaft sind immer kalt, im Film mit Schnee bedeckt. Es regnet immerzu und sie bieten wenig Reiz.

Das Innenleben, die Räume hingegen alles. Im Inneren findet Ekstase statt. Das verborgen Animalische hemmungslos auszuleben, ist der Gegensatz zu Kultur. Was macht Ōshima damit? Er testet es aus.

Ōshima erlaubt seinen Protagonisten, sich vollkommener Ekstase hinzugeben und stellt immer wieder die Frage nach Macht: im Blick der anderen, zwischen den Liebenden. Diese Machtkonstellationen ändern sich in fast jeder Einstellung.

Warum der Film nicht feministisch ist, aber trotzdem ein Meilenstein in der japanischen Neuen Welle, der Nūberu bāgu.

Wenn Sex selbst zum Narrativ, das männliche Glied zum Machtsymbol wird und im Pornografischen das Politische liegt, beschreibt es die Kunst dieses Films.

Aber selbst in dieser Analyse liegt etwas, das Ōshima wahrscheinlich nicht wollte. Er legt ein Begehren frei, das den Zuschauern untersagt ist. Er hält ihnen Ekstase in einer Art Dauerschleife vor, die gesellschaftlich verdammt ist. Alles andere bedeutet Tod.

Gemeint ist damit, dass im Verborgenen eine Sucht existiert, die weniger mit Erotik zu tun hat, als mit absoluter Flucht.

Ōshimas Protagonistin bleibt im obsessiven Kastrationswahn gefangen, der aus ihr keine feministische Figur werden lässt: Sie möchte seinen Phallus regelrecht besitzen.

Der Besitz des Phallus als Symbol patriarchaler Macht wird zur Sucht nach Ekstase in Endlosschleife. Ein Außen gibt es nicht mehr. Die sexuellen Handlungen vermitteln weniger ein Gefühl der Spannung als Erschöpfung.

Dennoch bleibt Ōshimas Protagonistin im obsessiven Kastrationswahn gefangen, der aus ihr keine feministische Figur werden lässt: Sie möchte seinen Phallus regelrecht besitzen, da sie Kichizō nicht besitzen kann:

„Ich werde ihn in dir abschneiden.“

Auf einer zweiten Ebene wird das phallische Machtverhältnis zwischen dem gesellschaftlich hochrangigen Meister eines Geisha-Hauses, Kichizō Ishida (Tatsuya Fuji) und der verachteten Prostituierten Sada Abe (Eiko Matsuda) bis zur gefährlichen Obsession ausgehandelt.

Ihre Voyeuristinnen, seine Geishas, erblassen vor Neid. Die Handlung ist keine wilde Fantasie des Regisseurs sondern beruht auf einer wahren Geschichte.

Eine der zentralen Fragen des Filmes lautet: Warum macht der Besitzanspruch an Kichizō aus Sada letztlich keine freie Figur? Und warum keine feministische?

Ist Im Reich der Sinne wirklich ein Film über sexuelle Freiheit – oder vielmehr die Bestätigung patriarchaler Macht?

Ist die sexuelle Radikalität vielmehr ein Versuch, das soziale Gefälle auszugleichen?

Sada ist Prostituierte und verheiratet. Sie arbeitet zunächst als Putzkraft für Kichizō, ebenfalls verheiratet, den sie heimlich begehrt. Sie schrubbt seinen Boden, bevor er ihr ans Gesäß fasst. Das gegenseitige Begehren nimmt damit einen endlosen Lauf.

Die Geschlechtsteile werden in Großaufnahmen gezeigt. Der Schmerz beim Sex stillt auch einen anderen Schmerz: den, nichts zu empfinden.

Der Schlüsselkonflikt zwischen beiden Protagonisten ist Sadas Eifersucht auf Kichizōs Ehefrau. Ihr Vorwurf:

„Du wirst später mit deiner Frau schlafen.“

Diese Dynamik steigert sich immer weiter in eine sexuelle Obsession, die zu Kastrationsfantasien und Sado-Maso- Spielen führt.

Doch Sadas Ohnmacht kehrt sich im Laufe des Films immer weiter in Macht um.

Jede Dominanz Sadas wird vom Meister in erotische Lust übersetzt. Selbst ihr Würgen bedeutet keinen Machtverlust, sondern die Erfüllung einer Fantasie.

Nicht zu vergessen spielt die Handlung im Jahre 1936. 

In diesem Kontext gesehen stellt der Film jedoch einen Meilenstein der japanischen Filmgeschichte dar.

Gerade deshalb bleibt Ōshimas Film zeitlos verstörend. IM REICH DER SINNE ist kein Film über Sex.

Es ist ein Film über Macht.

Essay: Stella Christine Dunze