Gespräch

„Man kann den Zuschauenden auch vertrauen“

Jelena Ilić im Gespräch über ihren Film EINE KRANKHEIT WIE EIN GEDICHT

Interview: Sascha Batzing | Knights of Cinema

Wie bist du eigentlich zum Filme machen gekommen?

Jelena Ilić: Ehrlich gesagt bin ich eher zufällig zum Film gekommen. Ich habe an der Kunsthochschule für Medien in Köln studiert und mich ursprünglich mit Fotografie und Installationen beworben. Irgendwann wurde ich neugierig und habe angefangen, Filmseminare zu besuchen. Dabei habe ich mich sofort unglaublich wohlgefühlt und gemerkt, dass Film als Medium sehr gut zu meinen Erzählungen passt – zu meiner Art zu denken, zu fühlen und zu dem, wie ich diese Gedanken und Gefühle ausdrücken möchte.

 

Wann war dir klar, dass du aus der Beziehung zu deinem Vater einen Dokumentarfilm machen möchtest?

Jelena Ilić: Das war mir ehrlich gesagt lange gar nicht so klar. Das erste Mal, dass ich eine Filmkamera dabei hatte, war in der Wohnung meines Vaters. Ich war damals enorm überfordert mit dem, was ich dort vorgefunden habe. Ich hatte nur eine Woche Zeit, um die gesamte Wohnung zu räumen. In dieser Situation habe ich gemerkt, dass ich etwas brauche, das meinen Blick lenkt und mich in eine andere Rolle versetzt. Das war in diesem Fall die Kamera. Sie hat mir enorm geholfen, mit der Situation umzugehen und das Erlebte zu verarbeiten. Mit der Zeit habe ich dann immer mehr angefangen, zu dokumentieren und festzuhalten. Dass daraus einmal ein Dokumentarfilm entstehen würde, war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht klar, aber irgendwann ist diese Materialsammlung gewachsen und mit ihr mein Erzählbedürfnis.

Also kann man vielleicht sagen, dass die Kamera so ein bisschen Therapie war?

Jelena Ilić: Nein! Dagegen wehre ich mich tatsächlich immer sehr entschieden. Als ich auf der Suche nach einer Produktion für den Film war, wurde mir oft unterstellt, dass ich einen eigentherapeutischen Film machen würde. Dabei glaube ich, dass ich diesen Film überhaupt erst machen konnte, weil ich zuvor eine Therapie gemacht und mich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt habe. Die Kamera war in der Zeit, in der ich angefangen habe, Material zu sammeln und im wahrsten Sinne des Wortes zu dokumentieren, eher eine Art Begleiter und Schutz. Aber eine Therapie war sie nicht. Meine Therapie sah ehrlich gesagt ganz anders aus.

War dir dann relativ früh schon bewusst, wie intim und nah das Ganze wird?

Jelena Ilić: Mir war von Anfang an klar, dass es eine Herausforderung werden würde und dass es nicht leicht sein wird. Aber ich muss ehrlich sagen, ich hatte keine Ahnung, wie schwer es tatsächlich werden würde. Ich habe das völlig unterschätzt. Diesen Film zu machen, war wahrscheinlich die größte Herausforderung, der ich mich bisher gestellt habe. Dabei haben mich viele Fragen beschäftigt: Wie kann ich uns trotz dieser Nähe schützen? Wie kann ich den Menschen das Thema näherbringen, ohne sie abzuschrecken? Und wie kann ich von Angst erzählen, ohne diese Angst für das Publikum unmittelbar erfahrbar zu machen? Ich habe mich letztlich ganz bewusst dagegen entschieden, die Angst so spürbar werden zu lassen. Ich glaube, man kann den Zuschauenden auch vertrauen, dass sie Dinge verstehen und nachempfinden können, ohne alles selbst durchleben zu müssen.

 

Ihr habt ja dieses Sketchbuch gehabt, das ihr euch immer hin und her gegeben habt. Funktioniert das als eine Art Brücke zwischen euch?

Jelena Ilić: Das ist ja auch das Schöne an der Kunst und am Zeichnen: Man kann mit ganz einfachen Strichen, einer kleinen Karikatur oder ein paar Strichmännchen unglaublich viel erzählen. Manchmal ist es viel leichter, etwas zu zeigen, als darüber zu sprechen. Durch Bilder lassen sich so viele Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringen, für die man vielleicht gar nicht die richtigen Worte findet.

 

Wie hat euch der Humor dabei geholfen?

Jelena Ilić: Ich glaube, ohne Humor wären wir beide ganz kleine, vertrocknete Pfläumchen. Wenn man nichts mehr zu lachen hat, bleibt einem ja irgendwann nur noch das Weinen. Ich glaube, Humor ist ein unglaublich wertvoller Bewältigungsmechanismus, genauso wie die Fantasie. Beides hilft dabei, auch mit schwierigen Situationen umzugehen.

 

Was hat dich dazu bewegt, deinem Vater trotzdem so beizustehen?

Jelena Ilić: Ja, es gab eine lange Zeit, in der ich keinen Kontakt zu meinem Vater hatte, weil ich die Situation einfach nicht mehr ausgehalten habe. Als er dann in den Maßregelvollzug kam, war das zum ersten Mal seit sehr langer Zeit eine Phase, in der er gezwungen war, clean zu werden. Nach und nach habe ich dadurch meinen alten Vater wiederentdeckt, den ich von früher kannte. Ich glaube, es ist unglaublich wichtig, dass ich den schönen Zeiten, die wir miteinander hatten, genauso viel Aufmerksamkeit schenke wie den schwierigen. Dinge dürfen ambivalent sein. Sie dürfen schrecklich und schön zugleich sein.

 

Wie ist eure Beziehung heute?

Jelena Ilić: Ich würde sagen, nach wie vor gut, nach wie vor komplex, wunderschön und ultraanstrengend. Alles gleichzeitig. Es ist schwierig und bleibt wahrscheinlich auch schwierig. Aber das ist ja auch das Schöne am Filmemachen: Wenn man kein Happy End hat, schreibt man sich eben eins. Und danach geht das Leben trotzdem weiter.

 

Wie fand dein Vater den Film?

Jelena Ilić: Also mein Vater findet, dass der Film extrem gut gemacht ist. Ihm hat der Film total gut gefallen. Natürlich ist er sehr gerührt davon, und tatsächlich sind beide Eltern sehr gerührt von dem Film. Neulich gab es dann zum ersten Mal die Situation, dass mein Vater den Film gemeinsam mit Publikum gesehen hat, beim Frauenfilmfestival in Köln. Und danach meinte er, es sei ein bisschen wie auf einer Beerdigung gewesen. Die Leute seien alle ganz betroffen zu ihm gekommen, hätten ihm die Hand gegeben und gar nicht so richtig gewusst, was sie sagen sollen, weil sie so ergriffen waren. Da musste ich ein bisschen schmunzeln.

 

Was hat es verändert, offener über diese Themen zu sprechen?

Jelena Ilić: Ich laufe so viel leichter durchs Leben, seitdem ich dieses Geheimnis und diese Last nicht mehr alleine mit mir herumtrage. Ich habe mir Hilfe gesucht, mit Freundinnen und Bekannten darüber gesprochen und mich entschieden, offen damit umzugehen. Und ich glaube, wenn man selbstbewusst und bestimmt mit der eigenen Verletzlichkeit umgeht, wird die Angriffsfläche für Ängste und Ablehnung so viel kleiner. Weil man sich nicht mehr ständig verstecken oder davor fürchten muss, dass andere etwas erfahren, das man selbst lieber geheim halten würde. Das bedeutet natürlich nicht, dass man sich nicht mehr verletzlich fühlt oder dass die Angst vor Ablehnung ganz verschwindet. Aber man nimmt ihr ein Stück weit die Macht, indem man selbst entscheidet, wie man mit seiner Geschichte umgeht.

 

Waren die Animationen von Anfang an eingeplant?

Jelena Ilić: Die Animationen waren auf jeden Fall von Anfang an eingeplant, weil das Zeichnen zu meinem Vater und mir einfach total dazugehört. Die Figuren und Animationen sind aus unseren eigenen Zeichnungen entstanden. Das Character Design meines Vaters hat er selbst gezeichnet, und mein eigenes habe ich gezeichnet. In den Animationen kann ich zeigen, wie ich mich fühle, ohne es erklären zu müssen. Und ich finde, das reicht manchmal auch. Man muss nicht immer alles verstehen. Manchmal reicht es, die Dinge einfach zu fühlen.

 

Was würdest du jemandem raten, der heute in deiner damaligen Situation ist?

Jelena Ilić: Ich würde als Erstes ganz laut sagen: Du bist nicht alleine damit! Es ist nicht deine Schuld und es ist auch nicht deine Verantwortung. Ich würde den Menschen gerne mitgeben, dass es unglaublich viele Hilfsangebote gibt, darunter auch viele kostenlose. Und vor allem: Sprecht mit Menschen darüber, denen ihr vertraut. Mit euren Freundinnen, in eurer Beziehung oder mit eurer Familie, wenn das möglich ist. Sucht euch Unterstützung und versucht nicht, alles mit euch selbst auszumachen. Ihr müsst das nicht alles alleine bewältigen.

 

 

Welche Botschaft würde auf deiner Kinoleinwand stehen und welcher Film würde laufen?

Jelena Ilić: Ich glaube, ich würde so etwas sagen wie: Schau hin, hör zu und frag nach. Dann würde ich den Kurzfilm Human Radio von Miranda Pennell zeigen. Und danach einen Film von einer anderen Miranda, nämlich Me and You and Everyone We Know von Miranda July. Das ist mein absoluter Lieblingsfilm, weil sie es schafft, so vielen unterschiedlichen Menschen und Figuren mit Würde zu begegnen. Ich finde es unglaublich schön, wenn Menschen in Filmen so komplex sein dürfen, wie sie es im echten Leben auch sind.