Frauen machen die härteren Filme

Ein Gespräch

Isa Willinger über weibliche Perspektiven im Film, Gewalt und filmische Verantwortung. Darüber hat sie den Dokumentarfilm NO MERCY gedreht.

Der Film ist eine Hommage an die ukrainische Regisseurin Kira Muratowa, eine der wichtigsten Regisseurinnen der Sowjetunion, wie du im Film sagst.

Wenn du ihre Filme beurteilst, stimmt ihre These, dass Frauen die härteren Filme machen?

Wir gehen das einerseits filmhistorisch an. Gab es vielleicht eine bestimmte Epoche des weiblichen Filmschaffens, in der das besonders der Fall ist?

Dann die Frage: Was kann Härte überhaupt im Film alles bedeuten? Man kommt weg von der Gewalt und fragt sich, was kann Härte noch alles sein? Man kann die Beobachtung Muratovas soziologisch begründen. Es gibt vielleicht eine bestimmte Erfahrung, die Mädchen oder Frauen in der Gesellschaft machen, die sie dann verleitet, bestimmte Themen zu erzählen. Eine meiner Lieblingsantworten ist eigentlich von Nina Menkes, die sagt, wenn eine Filmemacherin eine weibliche Filmfigur nicht als Sexobjekt präsentiert, ist das so ungewohnt, das wirkt dann sofort hart auf die Zuschauer. Das ist eine sehr schlaue Antwort. Aber es gibt noch mehr Antworten in dem Film.

“Der Blick hat etwas Reziprokes. Das ist eine wichtige Erfahrung des Filmemachens.”

— Regisseurin Isa Willinger


“AUCH DIE LEUTE, MIT DENEN ICH DREHE, DIE VOR MEINER KAMERA STEHEN, SIND NICHT EINFACH DAS OBJEKT UND ICH DAS SUBJEKT. ICH BIN AUCH VON DENEN AFFIZIERT. DAS IST EIN GEMEINSAMER TANZ. VON DAHER GREIFEN VIELE DIESER THEORIEN ZU KURZ.”

— Isa Willinger

Gibt es für dich eine Definition des feministischen Films und wie unterscheidet sich der lesbische Blick vom männlichen Blick?

Natürlich sollten Frauen nicht allein als Sexobjekte dargestellt werden und sie sollten eine Art von Vielschichtigkeit bekommen.

Sie sollten Akteurinnen und Subjekte im Film sein dürfen, denen der Blick auch oder ausschließlich gehört und die eine Handlungsmacht haben. Diese Filme können aber auch von Männern gemacht werden.

Ich habe mich auch gefragt, ob der Male Gaze nicht eigentlich geschlechtsunabhängig ist. Und ob es nicht eher eine Machtstruktur ist.

Ich kann man auch nicht die gesamte Haltung eines Films an diesen einzelnen Blickmomenten festmachen. Man muss die gesamte Narration angucken: Gibt es Momente, wo diese fetischhafte Frauenfigur zu einer handelnden wird und vielleicht doch ein Subjekt ist? Dann ist ein Film vielleicht doch wesentlich vielschichtiger zu sehen, als wenn man nur diesen einen Moment herausgreift, in der sie in ihrer Schönheit alles überstrahlt und wir sie begaffen sollen. Man muss schauen in welche Position die Figur innerhalb der Narration gerät. Wie können wir Zuschauer:innen mit ihr mitgehen?

Denkst du, wenn man die Machtfrage durch eine umgedrehte Perspektive löst, wie Virginie Despentes sagt, sozusagen Gewalt als Rache der Frau, es die richtige Antwort ist? Damit bestätigt man ja Gewalt.

Es ist nachvollziehbar und möglich, dass man eine Frau als Gewalttäterin darstellet in einer Rohheit und Brutalität. Es ist sogar interessant, weil wieder Vorstellungsräume aufgehen. Die weibliche Figur wird dadurch sehr aus ihrer Passivität herausgeholt, die sie ja assoziativ immer noch stärker hat als eine männliche Figur.

“Ich bin für mich selbst zum Schluss gekommen, dass ich keine Vergewaltigung einer Frau in einem Film von einem Mann sehen will. Ich kann mir das anschauen, in einem Film von Frauen, denn da ist es eben anders konnotiert und aus einer bestimmten gesellschaftlichen Erfahrung heraus erzählt. In der Tat denke ich, dass das „außer-textliche“ eines Films, wie zum Beispiel das Geschlecht der Regie, oftmals unsere Wahrnehmung eines Films mit prägt.”

— Isa Willinger

Gibt es Filmemacher, die feministische Filme machen können?

Ich hatte MIROIRS NO.3 gesehen von Christian Petzold und fand die Thematik des Films und die Protagonistinnen feministisch. Oder auch THE WITNESS von dem iranischen Filmemacher Nader Saeivar ist feministisch…

Isa Willinger: Warum war der feministisch? Ich stimme dir zu, jeder kann feministisches Kino machen, wenn er oder sie feinfühlig und intelligent genug ist.

Ein Gespräch mit Stella Christine Dunze mit Isa Willinger