Biennale Cinema 2026
JUPITER
Die Zukunft ist unausweichlich, aber präzise
Regisseur Alexandre Smia zeichnet mit seinem Spielfilmdebüt eine politische Fiktion, die unmittelbar Realität geworden ist.
Ob er das schon wusste?
Wir befinden uns mitten im Ukraine-Krieg, als Russland einen Anschlag auf den eigenen Staatschef fingiert und Frankreich mit einem Ultimatum unter massiven Druck setzt. Der neu gewählte französische Präsident Paul Archambault (Denis Ménochet) wird in das Atomprogramm „Jupiter” eingewiesen – den ultimativen nuklearen Schutzschirm Frankreichs für das gesamte Europa.
Die Kamera blickt in seine Augen. Kurze Zeit später befindet er sich an Bord der Präsidentenmaschine auf dem Weg in die Ukraine. Mit ihm sein Beraterstab. Die Nachrichten überstürzen sich, die Mise-en-Scène verdichtet sich zunehmend zu einem klaustrophobischen Zustand.
Natürlich handelt JUPITER von einer Fiktion. Die Frage stellt sich dennoch, ob Smia diese Geschichte erfindet, um einen spannenden Politthriller zu inszenieren, dessen Szenario weit an der Realität vorbeigeht. Die jüngsten geopolitischen Entwicklungen sprechen eine andere Sprache. Aus einem offensichtlich gründlich recherchierten Stoff entsteht dabei weniger westliche Propaganda, als zunächst vielleicht zu vermuten wäre.
Doch was passiert, wenn auf eine reale Gefahr unverantwortlich reagiert wird?
Neben der unmittelbaren familiären Bedrohungslage für den Präsidenten steht die nukleare Eskalation als permanente Option im Raum. Mögliche Szenarien werden in Videokonferenzen zwischen den USA und den westlichen Alliierten diskutiert; sogar die Ermordung des ukrainischen Präsidenten steht zur Debatte.
Die subjektivierende Kameraführung dringt mit detaillierten Nahaufnahmen beinahe in den Präsidenten ein, oszilliert zwischen Annäherung und Entfernung. Was geht in ihm vor? Seine Beraterin, gespielt von Ella Rumpf, versucht ihn von einer nuklearen Antwort abzuhalten.
JUPITER trifft unerwartet auf aktuelle Ereignisse – und zeigt gerade dadurch, wie präzise sein Drehbuch recherchiert worden sein muss. Smia geht es offensichtlich darum, eine subjektiv europäische Wahrnehmung in ihrer Angststarre so weit zuzuspitzen, dass daraus ein möglicher nuklearer Super-GAU entsteht.
In diesem Szenario wird vor allem eines deutlich: Die Zukunft Europas hängt an testosterongesteuerten Potenzempfindlichkeiten. Auffällig ist dabei, dass gerade die weiblichen Stimmen kaum Einfluss nehmen können und wenig Gehör finden.
JUPITER ist teilweise bereits Realität.
Nur das Ende ist offen.
Text: Stella C. Dunze