Kinostart

Eine Widerlegung

aller Klischees

Leyla Bouzids MIT LEISER STIMME unterläuft nahezu jede Erwartung, die wir an eine Geschichte über eine muslimische Familie mitbringen.

Sie überrascht und spiegelt den Umbruch einer Gesellschaft, die mit alten patriarchalen Strukturen brechen will.

von Stella Christine Dunze

Auffällig ist, dass Leyla Bouzid ihre Kamera immer wieder auf Spiegel und Reflexionen richtet – den Rückspiegel im Auto oder den Spiegel über dem Bett. Mit dieser poetischen Bildsprache unterstreicht die Regisseurin  die Auseinandersetzung der Figuren mit ihrer eigenen Geschichte und Gegenwart. So werden die Spiegel auch zum Sinnbild einer inneren Suche.

Lilia  (Eya Bouteraa) landet mit ihrer Lebensgefährtin Alice (Marion Babeau) im Flugzeug in Tunis. Sie leben zusammen in Paris. Die Trauer der Familie über den verstorbenen Onkel Mohammed Ali Dhahbi, genannt Daly, ist groß. Angeblich soll der Tod durch einen Herzinfarkt verursacht worden sein. Die Umstände geben Rätsel auf. Besonders die Großmutter von Lilia leidet.

Doch was wie das Begräbnis eines Patriarchen wirkt, täuscht. Die überragende Trauer um den geliebten Onkel vermittelt den Eindruck traditioneller Familienwerte der Mittelschicht. Daly’s Tod  jedoch bringt ein Geheimnis zutage und bildet den eigentlichen Handlungsstrang des Films, der die familiäre Akzeptanz der versteckten lesbischen Beziehung von Lilia und Alice begleitet. Daraus entsteht eine durchgängige Spannung, die sich in ein Familiendrama verwebt.

Hiam Abbass, die Lilias Mutter Wahida verkörpert, spielt mit einem subtil-vielschichtigem Facettenreichtum. Dieser nach außen harten Frau, die ihrer Tochter zugleich mit großer Zärtlichkeit begegnet, verleiht Abbass eine beeindruckende Natürlichkeit. Sie ist Ärztin und von Lilias Vater geschieden. Damit widersetzte sie sich bereits der eigenen Mutter, Lilias Großmutter.

Von der Matriarchin zwangsverheiratet, kommt langsam die verheimlichte Homosexualität des verstorbenen Onkels zutage, von der außer ihr alle wussten.

Dass Lilia, studierte Ingenieurin, im Alter von 32 Jahren immer noch nicht verheiratet ist, und nicht an Familienplanung denkt, bringt die Großmutter auf, nicht jedoch ihre Mutter.

„Frustration hat auch ihre Vorteile. Wart’s ab.”

Die heimliche Beziehung zwischen Lilia und Alice stellt an sich nichts Außergewöhnliches mehr dar, doch gerade im Kontext dieses ungewöhnlichen Familiengeheimnisses um den Onkel, und die Repression durch die Großmutter, ändern sich herkömmliche Erzählmuster überraschend.

„Du kommst und löst einen Sturm aus.”

Da ist das Treffen mit dem ehemaligen Geliebten des Onkels, der zeitlebens unter der geheimen Liebe zu Daly gelitten hat. Und zum anderen diese besonders ausdrucksstarken Momente zwischen Lilia und Alice, wenn sie zusammen in eine queere Bar gehen, und Alice vor ihrer Freundin ausgelassen tanzt. Oder der gemeinsame Besuch in einem kunsthistorischen Tuniser Museum, der den Blick auf eine kulturelle Geschichte öffnet, die komplexer ist als die üblichen westlichen Vorstellungen.

Wie zu erwarten, bleibt die lesbische Beziehung vor Lilias Mutter nicht unbemerkt und führt zum Konflikt. Die Geschichte nimmt jedoch einen ungewöhnlich feinsinnigen Verlauf, der jedem Klischee widerspricht. Mit leiser Stimme erzählt von weiblicher Emanzipation – ruhig, sensibel und ohne laut zu werden.

Denn auffällig sind die Szenen, in denen sich die Protagonistinnen begegnen: Sie sind sanft, still und teilweise hoch emotional.

Gerade darin liegt die Stärke von Bouzids Film: Er behauptet keinen gesellschaftlichen Umbruch, sondern zeigt, wie er sich zunächst im Privaten und in den Beziehungen der Figuren vollzieht – leise und oft gegen bestehende patriarchale Strukturen.

Die grandiose Hiam Abbass, die auf der diesjährigen Berlinale mit zwei Filmen vertreten war, Mit leiser Stimme und Only Rebels Win (R: Danielle Arbid),  zeigt mit ihren Figuren auch eine politische Haltung.

Sie braucht keine großen Gesten: ein kaum wahrnehmbares, subtiles Lächeln, das aus einem harten Gesicht mit einem Mal ihre Sanftheit erstrahlen lässt. Dieser Blick kann mehr erzählen als jeder Dialog. Vielleicht liegt in diesem Lächeln sogar das Sinnbild des gesamten Films: in der Kraft, leise zu bleiben.

Mit leiser Stimme: Regie Leyla Bouzid. Mit Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Babeau. Kinostart 9.7.2026, Verleih neue Visionen.