Lichter Filmfest
Die Waldgeborene
Ein langer Weg, ein schönes Auto und ein frisch vermähltes Paar. Verträumte Musik und staunende Blicke – paradiesische Gefühle. Fast wie in einem Werbefilm für die Tourismusbranche wird der Wald durch in den Baumkronen gebrochene Sonnenstrahlen bestaunt.
Die frisch Verheirateten Saga (Seidi Haarla) und Jon (Rupert Grint) wollen hier in einem abgelegenen Haus ihr noch ungeborenes Kind aufziehen. Abseits von Menschenmengen, Reizüberflutungen und dem allgemeinen Großstadtchaos, erhoffen sie sich ein besseres Leben. Ihr Kind soll in der Natur aufwachsen. Im finnischen Wald wühlt Regisseurin Hanna Bergholm die Natur, die Erde auf. Was sie ausgräbt, soll die Familie zersplittern. Der Baum des Lebens birgt hier auch den Tod.
Ein Augenblick mehr und es wird klar: die lustvolle Erwartung sackt in reinen, rohen Schmerz.
Auf dem feuchten Moos, Jon an einen Baum gelehnt, sitzt sie auf ihm. Bei Hanna Bergholm ist Sex warm, intensiv und stimmig. Keine zehn Minuten vergehen bis zu dieser Szene. Mit dem Rascheln des Waldes geht Saga rhythmisch auf und ab – ihr Mann wird Teil des Baumes, sie vereinigt sich mit dem Wald. Die Frau bestimmt den Rhythmus, der Mann verschwindet als phallische Ergänzung des Baums. Nicht ihr Mann, ein anderer oder anderes vereinigt sich mit ihr. Stimmig, aber völlig unbestimmt fällt sie in die Wogen der Natur. Gestützt vom Körper ihres Mannes,gehalten, getragen und berührt vom dichten Grün und Geäst des Waldes.
Hier herrscht kein Mann, hier atmet eine Frau die Luft der unberührten Natur und ist vielleicht gerade dadurch berührt. Saga schaut nicht Jon an, sondern hinauf in di Baumkronen. Nur einen Augenblick vor ihrem Orgasmus wird es dunkler. Saga trägt weiße Kleidung. Die erwartete Entladung wird zur Aufladung – Saga schreit.
Ein Augenblick mehr und es wird klar: die lustvolle Erwartung sackt in reinen, rohen Schmerz. Das Neugeborene platzt schlagartig aus ihr heraus, nur ein blutroter Kopf. Mit Blutschlieren im Gesicht schaut Jon ratlos auf seine völlig ausgezehrte Ehefrau, die den Kopf seines Sohnes zwischen ihren Beinen mit aller Kraft nach draußen presst.
Der Wald hinterlässt seine Spuren. Mutterwerden wird in Nightborn zur Begegnung mit sich selbst. Der Neugeborene entpuppt sich als Monster. Wenn er nicht grunzt, isst er gerne mal Fleisch oder beißt der Spielfreundin den Finger ab. In warmer Stimmigkeit im feuchten Moos empfangen, wühlt das Kind nach seiner Geburt die Familie schonungslos und blutig auf.
Schuld an allem ist die Mutter, Saga. Erziehung mache Kinder, nicht Kinder machen Kinder, lautet offenbar die Devise. Saga bleibt mit ihren Sorgen allein. Hanna Bergholm nutzt die übernatürliche Empfängnis durch den Wald, um den Mann zu funktionalisieren, die Frau hingegen in den Mittelpunkt zu stellen. Das Monster, das nur sie, aber niemand anderes als solches erkennt, vereinsamt sie. Mit ihren Ängsten und Sorgen allein, muss sie kämpfen, um zu bestehen.
Auf einem Familiendinner weht der Wind aus der Tiefe des Waldes. Die Frage nach dem Namen des Kindes, beantwortet sie kurzerhand mit „Kuura“. Später soll ihr Ehemann Jon sich darüber beschweren. Im Wald findet Saga Halt und Führung, in ihrem Ehemann abermals Zweifel und Kontrollzwang.
Nightborn befreit die in der Ehe eines netten, aber in Wahrheit kontrollsüchtigen Mannes, gefangene Frau Saga über ihre Rolle als Mutter. Die Erde bebt, der Mann ist tot. Kuura rennt aus dem Haus, Saga folgt. Der Wald und die Bäume bewegen sich. Saga und Kuura lächeln sich zu. Beide sind frei. Nicht gebunden, sondern verbunden. Beide für sich, in ihrer Rolle und von ihr losgelöst.
Befreiung ist bei Hanna Bergholm ein blutiger, schmerzhafter Akt – eine radikale Abspaltung.
Kinostart: 6. August 2026
Essay von Felix Armbruster