Filmfest München 2026

Vaterland

Heimat ist ein schreckliches Land

Der Blick durch ein altes Flügelfenster. Eine Palme wiegt sich im Wind. Auf dem Schreibtisch steht das Porträt von Thomas und Katia Mann. Bereits in seinen ersten Bildern macht Paweł Pawlikowskis VATERLAND deutlich, dass dieser Film von Erinnerung erzählt. Und einer ungewissen Zukunft. VATERLAND war der Eröffnungsfilm des diesjährigen Münchner Filmfests.

Die Schwarz-Weiß-Bilder verleihen dem Film etwas Kompromissloses. Erinnerung wird zum eigentlichen Zustand.

Was ist Heimat? Pawlikowski nähert sich dieser Frage nicht über politische Thesen, sondern einer Reise. Sie führt Thomas Mann (Hanns Zischler) im Jahre 1949 von Kalifornien zurück nach Deutschland– nach Frankfurt am Main und Weimar, in ein Land, das ihm vertraut und zugleich verhasst geworden ist. Die Suche nach Heimat wird dabei zur Suche nach Identität.

VATERLAND erzählt nicht nur von der Rückkehr in ein verlorenes Land. Im Zentrum steht auch ein zweiter Schmerz: der Suizid des Sohnes Klaus Mann (August Diehl). Seine Depression wird zum Politikum.

„Wir sind Abfall. Ich glaube an nichts mehr. Vielleicht sollten wir uns umbringen.“

Erika Mann (Sandra Hüller) in Vaterland von Pawel Pawlikowski.

August Diehls Leinwandpräsenz reduziert sich auf wenige Einstellungen, jedoch gelingt es ihm, den drogenanhängigen Klaus Mann so imposant darzustellen, dass darin sein ganzes Leben gespiegelt wird. Ein Gesicht, das alles erzählt und über dem gesamten Film liegt. In der Eröffnungsszene sitzt er rauchend vor einem Bett in Los Angeles und telefoniert mit seiner Schwester Erika (Sandra Hüller). Im Hintergrund steht eine Frau auf.

Es ist eine der stärksten Szenen des Films und setzt eine Gewichtung: Erika Mann wird durch dieses Telefonat etabliert und erzählt als Tochter des berühmten Schriftstellers vielleicht eine letzte Reise: die ihres Bruders und ihres Vaters.

Thomas Mann kommt nach Frankfurt am Main, um den ehrenvollen Goethepreis entgegenzunehmen. Seine Kinder Erika und Klaus Mann sollen ihn begleiten.

Thomas Mann sagt kurz nach seiner Ankunft, Deutschland sei ein schreckliches Land mit schrecklichen Menschen.

Das Land, gehalten in Schwarz-weiß, symbolisiert mehr als Erinnerung: Polarisierung und das fehlende Dazwischen. Hoffnung oder Niedergang. Stalin oder Mickey Mouse. Wagner oder Goethe. Das Niederschmetternde daran ist: Es ändert sich nicht.

Pawlikowski erzählt genau das: Sein Film richtet sich an ein Publikum, das nationale Identität und Heimat kritisch reflektiert. Er will sich weder versöhnen noch anbiedern. Im Gegenteil, als Erika mach dem Tod ihres Bruders aus dem Fenster schreit „ Haltet’s Maul, ihr Drecksfaschisten“, möchte man am liebsten mitschreien, und findet sich plötzlich in der Gegenwart wieder.

Handlungsort ist Frankfurt am Main im Hotel Metropol, dem Veranstaltungsort zu Ehren Thomas Manns. Ein wiederkehrendes Motiv: Erika Mann sitzt am Steuer und die Kamera hinter ihr blickt auf ein zerstörtes Deutschland.

In Frankfurt erscheint Klaus Mann für seinen Vater zu seiner Ehrung dann doch, bevor er sich in Cannes das Leben nimmt. Die Frage ist, wie liest sich der Film unter diesem Aspekt, der eine so wichtige Bedeutung einnimmt und was sagt es über das Leben im Exil aus?

Die komplexe Beziehung zwischen Vater und Sohn wird klar erkennbar. Klaus Manns Homosexualität spielt dabei eine wichtige Rolle. Das Interessante an Pawlikowskis Geschichte ist, dass er sie aus der Perspektive seiner Tochter erzählt. Sie wirkt durchweg wie eine Vermittlerin zwischen Vergangenheit und Zukunft sowie zwischen Vater, Mutter und Bruder.

Der Film zeichnet zwischen Gesprächen mit hochrangigen Nazis in Frankfurt und einer Fahrt nach Weimar auf den Spuren Goethes, die Zerrissenheit Deutschlands und ein Portrait der Nachkriegsära zwischen kultureller Selbstvergewisserung und der noch nicht überwundenen Faszination für Führerkult und Totalitarismus.

Doch Klaus Mann bleibt die Reflexionsfigur, die über allem liegt. Es geht um mehr als einen verwöhnten Drogenabhängigen. So sieht es nicht nur sein Vater. Wenn Erika da liegt und sagt „Ich sehe Klaus überall,“ liegt darin mehr als nur Trauer.

Der Film spricht im Subtext fortlaufend über ein Deutschland der Gegenwart, ohne es zu benennen und schafft mit seiner Poetik und politischen Referenzen ein mutiges Portrait des Landes, das seine Vergangenheit hasst und sie nie überwindet. Weil Heimat immer Geschichte bleibt und uns überall einholt.

Denn wo andere Filme auf Versöhnung hoffen, steht in VATERLAND Klaus Mann.

von Stella Christine Dunze