Biennale Cinema 2026

MR. NELSON, DID YOU KILL PEOPLE?

Die Gewalt der anderen

US-Veteran Allen Nelson muss sich der Frage stellen, warum er getötet hat. Doch wer verantwortet den Krieg?

Allen Nelson (Rodney Hicks), ein US-Veteran, steht vor einer amerikanischen Grundschulklasse. Ein kleines Mädchen steht auf und fragt ihn: „Mr. Nelson, did you kill people?“ ( „Mr. Nelson, haben Sie Menschen getötet?“)

In verschiedenen Zeitebenen arbeitet Nelson die grausamen Erlebnisse des Vietnamkriegs in Therapiesitzungen auf. Zugleich setzt der Film von Regisseur Shinya Tsukamoto die Zuschauer:innen unmittelbar den skrupellosen und unerbittlichen Gewaltszenen des Krieges aus. Diese Zumutung ist vertretbar – vielleicht sogar notwendig.

Ein Soldat, der für sein Land sein Leben eingesetzt hat und nun, bildlich gesprochen, wie eine Ratte in leerstehenden Wohnungen New Yorks haust, wird von einem Kind mit der denkbar einfachsten und zugleich brutalsten Frage konfrontiert: Hat er Menschen getötet?

In den Therapiesitzungen kehrt diese Frage in anderer Form immer wieder zurück. Sein Therapeut (Geoffrey Rush) zwingt Nelson, sich damit auseinanderzusetzen, warum er Menschen getötet hat. Seine Frage zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Gleichzeitig unterstellt sie, vor der freien Wahl gestanden zu haben.

In New York holt ihn das Trauma des Krieges unentwegt ein. Kriegsszenarien brechen brutal in seine Wahrnehmung der Stadt ein.

Natürlich drängt sich dabei auch die Frage auf, warum ausgerechnet ein weißer, wohlhabender Mann einen Schwarzen Mann therapiert, der vom Krieg schwer gezeichnet ist. Das Verhältnis erhält zwangsläufig eine politische Dimension: die Machtstrukturen der weißen Hegemonie. Sie bestimmt letztlich wer kämpft, tötet oder stirbt.

Nelson muss sich im Therapieraum der Frage stellen, warum er getötet hat. Doch wer stellt diese Frage jenen, die Menschen wie ihn in den Krieg schicken?

MR. NELSON, DID YOU KILL PEOPLE? belässt es nicht bei der individuellen Verantwortung.

Der Film stellt auch die politische Frage: Welche Gesellschaftsschichten werden mit irreführenden Versprechen rekrutiert und müssen für die Machtspiele ihrer Politiker ihr Leben aufs Spiel setzen – und andere Menschen töten?

„This killing made a man of you. Take his ears as a trophy.“

In einem Rückblick beobachtet Nelson einen Mann in einem vietnamesischen Dorf. Weinend läuft dieser aus seinem Haus. Er gehört zum Viet Cong. Ein Kommandeur befiehlt Nelson zunächst zu warten. Als der Mann aufhört zu weinen, kommt unerwartet das „Go!“ Kurze Zeit später steht das ganze Dorf in Flammen. Ein Soldat erklärt Nelson, diese Tötung habe aus ihm einen Mann gemacht. Unter den Soldaten wird das Abschneiden seines Ohres zur Trophäe.

In einer anderen Szene zielt Nelson auf eine schwangere Frau. Gerade als er abdrücken will, erkennt er, dass sie unmittelbar vor der Geburt steht. Vor seinen Augen bringt sie ihr Kind zur Welt und beißt anschließend die Nabelschnur durch.

„Black people are not free in America.“

Nelsons Geschichte beginnt jedoch nicht erst in Vietnam. Seine Kindheit ist von Gewalt geprägt. Von seinem Vater wird er geschlagen. Er sucht nach Anerkennung. Als schwarzer Mann kämpft er schließlich für ein Land, in dem er selbst Diskriminierung und keine vollständige Freiheit erfährt.

Nach seiner Rückkehr aus Vietnam gelingt ihm die Rückkehr in einen normalen Familienalltag nicht mehr. Er verlässt seine Familie und heiratet später erneut.

Gerade darin liegt eine der Stärken des Films: Er trennt die Gewalt des Krieges nicht von den gesellschaftlichen Verhältnissen, aus denen seine Soldaten hervorgehen. Nelson ist Täter und zugleich Teil eines Systems, das junge Männer rekrutiert, sie zum Töten ausbildet und nach ihrer Rückkehr mit den Folgen weitgehend alleinlässt. Nelson bringt diesen Widerspruch selbst auf den Satz: „Black people are not free in America.“

MR. NELSON, DID YOU KILL PEOPLE? ist trotz – oder gerade wegen – seiner schwer erträglichen Gewaltszenen ein eindringliches Werk über Krieg, Missbrauch und gesellschaftliche Ungleichheit. Die einfache Frage eines Kindes erweist sich dabei als diejenige, der am schwersten auszuweichen ist:

Wer trägt die Verantwortung dafür, dass Menschen andere Menschen töten?

Allen Nelsons Geschichte ist wahr. Er reiste später zurück nach Vietnam und hielt zahlreiche Vorträge, zu denen er herzlich empfangen wurde.

‍ ‍von Stella C. Dunze