Locarno 2026
Wenn der Allmächtige aus England kommt
REHMAT von Gurvinder Singh ist philosophische Metapher und filmisches Gedicht zugleich. Mit seinen fast drei Stunden Laufzeit konkurriert der Film im Wettbewerb des diesjährigen Locarno Film Festivals.
Seema (Diya Kamboj) lebt mit ihrer tief religiösen Mutter (Mita Vashisht) zusammen, die um ihren vermeintlich toten Sohn trauert. Sie studiert und führt den gemeinsamen Haushalt. Doch in einem Abstellraum im Hof versteckt sich ein lebensgefährlich verwundeter junger Mann – jener Sohn, den die Mutter für tot hält. Der geheimnisvolle Fremde, der beinahe wie ein mysteriöser Heiliger erscheint, ist Widerstandskämpfer und wird als Terrorist gefahndet. Die Polizei hatte ihn angeschossen.
Singh benutzt die Kamera bewusst als spannungserzeugende Entität. In auffällig eingesetzten Kamerafahrten nähert sie sich den Protagonist:innen, ohne ihnen tatsächlich nahezukommen. Sie bleiben unnahbar, ihre Geschichten im Nebulösen.
„Du bist immer noch da.“
Türen, Bahnschranken und Züge werden zu wiederkehrenden Codes, die tiefer in dieses episch erzählte Werk hineinführen, die feinsinnig konstruierte Struktur erweitern oder neue Kapitel öffnen.
Der geheimnisvolle Fremde wird von Seema letztlich vor die Tür gesetzt und verschwindet. Sein Tod führt in ein neues Kapitel des Films: zu seiner Familiengeschichte, seiner Frau (Navjot Randhawa) und den zurückgelassenen Kindern.
Mit seiner anspruchsvoll konstruierten Parabel und poetischen Bildsprache wagt sich Singh schließlich an eine historische Wunde: das koloniale Verhältnis zwischen Großbritannien und Indien – und an die Möglichkeit einer politischen Versöhnung.
Denn kein Geringerer als der Allmächtige selbst erscheint eines Tages bei den spielenden Kindern der trauernden Familie: Rehmat Ali (Naseeruddin Shah). Erschöpft und krank sucht er sein Geburtshaus auf, eine verfallene Villa, in der die Familie lebt.
Auch seine eigene Familiengeschichte ist mit diesem magischen Ort verwoben. Seine muslimischen Wurzeln führen zurück nach Indien, bevor die Familie schließlich nach England auswanderte.
Gurvinder Singh ist ein liebevoll erzähltes Kunstwerk gelungen, das sich der Wunde kolonialer Geschichte über Metaphern nähert.
REHMAT versucht nicht, Geschichte ungeschehen zu machen. Der beinahe dreistündige Film entwirft vielmehr die Möglichkeit, sich ihr schonungslos zu stellen – und darin einen Weg zur Versöhnung zu finden.
Von Stella C. Dunze