SOUDAIN-
Humanität ist zu teuer
Alltag in einem Pariser Pflegeheim. Das Pflegepersonal wird geschult, mit demenzkranken Patient:innen sensibel umzugehen, doch Marie-Lou (Virginie Efira), die ambitionierte Heimleiterin, die sich von der Pflegerin hochgearbeitet hat, muss sich an starrer Bürokratie und frustrierten Mitarbeiter:innen abarbeiten. Mit der innovativen Therapieanleitung „Humanitude“ soll die Philosophie grundlegend revolutioniert werden, doch ihr Ehrgeiz wird durch die Profitgier privater Investoren unterwandert.
„Aus der Nähe ist niemand normal.“
Familien bringen ihre pflegebedürftigen Angehörigen. Um sie will sich niemand mehr kümmern. Einzig Fotos erinnern daran, wen sie in der Gesellschaft, die sie jetzt ausstößt, mal verkörperten: eine Pilotin, Lehrerin oder Tänzerin. Marie -Lou ist Sehnsuchtsort und Hoffnungsträgerin in einem Gesundheitsapparat, der keinerlei Interesse an den einzelnen Individuen hegt.
Es ist die vielleicht traurigste Erkenntnis des Films über den humanistischen Glauben einer Gesellschaft an das Gemeinwohl: Das utilitaristische Prinzip, das den Wert einer Handlung an ihrem Nutzen bemisst, gerät im kapitalisierten Gesundheitssystem zur ökonomischen Kosten-Nutzen-Rechnung. Die altruistische Idee von Fürsorge wird dabei nicht widerlegt, sondern ihrer materiellen Grundlage beraubt.
„Sind gesunde Menschen eigentlich lebendig?”
Marie-Lou wird auf der Heimfahrt im Bus auf einen autistischen Jungen aufmerksam, der neben dem Fahrzeug hinterherläuft. Sie steigt an der folgenden Haltestelle aus und sucht den orientierungslosen Jungen auf. Als ein Unwetter aufzieht, stellt sie sich beschützend mit ihm unter einen Baum im Park. So beginnt die innige Freundschaft mit der japanischen Regisseurin Mari (Tao Okamoto), die eine Theatergruppe leitet, in der der Junge mitspielt.
Die Anziehung zwischen beiden Frauen ist spürbar. Mit Maris Geständnis ihrer unheilbaren Krebsdiagnose wird aus der platonischen Liebe ein Drama über Fürsorge, Verlust und die Endlichkeit des Lebens.
Eine der schönsten Szenen ist, wenn die beiden Protagonistinnen abends an einem Fluß sitzen und die Musik eines Festes im Hintergrund zu hören ist.
„Wogegen kämpfst du?“- „Gegen das System.“
Ryūsuke Hamaguchi gelingt mit SOUDAIN ein mitreißendes Drama, das die politisch aktuelle Debatte um ein gescheitertes System der Alterspflege ins Private überführt und trotz seiner institutionellen Ausweglosigkeit Hoffnung formuliert.
Das Entscheidende in diesem Film – wie in der Realität – sind die Menschen, die sich den Strukturen widersetzen. Mit großer Sensibilität und Realitätsnähe verweist Hamaguchi auf Fragen, die politisch seit Jahrzehnten ungelöst bleiben: Pflege ist eine gesellschaftliche Investition, deren Wert sich nicht nach den Prinzipien der Gewinnmaximierung bemessen lässt. Sie ist vielmehr der Spiegel des humanistischen Selbstverständnisses einer Gesellschaft.
Text: Stella C. Dunze