„In meiner Familie gab es viele Väter. Ich habe eine sehr große Familie. Es ist voller komplexer Beziehungen.”
Das Gespräch fand im September 2025 beim Filmfest Hamburg statt. Von Stella Dunze
Carla Simóns Stimme klingt sanft. Fast so, als läge darin eine Ruhe, die nicht erklärt werden muss.
Familie ist bei ihr kein fester Ort, sondern ein Geflecht aus Beziehungen.
Ihr neuer Film ROMERÍA nähert sich diesen Verbindungen über Erinnerungen — fragmentarisch, surreal, nie ganz greifbar.
Marina wirkt oft ruhig, fast gefasst — selbst in Momenten großer Enttäuschung.
Woher kommt dieses Mitgefühl?
Ja, weil es meine eigene Geschichte ist.
Ich wollte eine Figur, die diese Reise ähnlich erlebt hat wie ich.
In vielen Filmen beginnt diese Suche aus Wut — aus dem Gefühl, ausgeschlossen zu sein.
Das wollte ich anders machen.
Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die mir viel Liebe gegeben hat.
Deshalb ist Marina nicht wütend, sondern neugierig.
Sie möchte verstehen, wer ihre Eltern waren — und warum ihre Geschichte so verlaufen ist.
Diese Neugier ist für mich ein starker Motor. Auch beim Filmemachen.
„Diese Neugier ist für mich ein starker Motor- auch beim Filmemachen.“
Was passiert mit dir, wenn du so nah an deiner eigenen Geschichte arbeitest?
Ja, man sagt ja oft — wenn man eine Therapie braucht, geht man besser zu einem Psychologen. Das ist günstiger, als einen Film zu drehen.
Es war nicht so, dass ich diesen Film machen musste, um etwas zu verarbeiten.
Mir war wichtiger, dass es nicht nur meine Geschichte ist.
Es ist die Geschichte der Generation meiner Eltern.
Viele sind in Spanien während der Franco-Diktatur aufgewachsen — mit viel Unterdrückung.
Als die Freiheit kam, wurde sie gefeiert.
Ohne zu wissen, welche Konsequenzen das haben würde — Drogen, AIDS. Viele sind daran gestorben.
Was mich antreibt, ist eher dieser Bruch —
nicht genau zu wissen, was passiert ist.
Der Film ist für mich eine Annäherung an diese Erinnerungen.
Und vielleicht auch ein Versuch, das sichtbar zu machen, was gefehlt hat.
„Ich habe keine Erinnerungen an meine Mutter- ich hatte ein paar Briefe.“
Ich habe mich gefragt, ob es dafür einen familiären Hintergrund gibt — gerade auch in Bezug auf Drogen und diese Brüche.
Man denkt oft, dass Drogenabhängigkeit immer einen persönlichen Grund hat — dass etwas dahinter liegt.
Aber in dieser Zeit in Spanien kamen sehr viele Drogen ins Land.
Gerade in Galicien, mit seiner schwer kontrollierbaren Küste.
Es gab eine regelrechte Heroinkrise.
Viele Menschen wurden abhängig.Und es betraf nicht nur eine Schicht.Die Familie meines Vaters war Upperclass.
Und trotzdem. Es besonders schwer, das zu akzeptieren.
„Man denkt, Heroin betrifft nur die Unterschicht — aber das stimmt nicht.“
Ist das auch ein Film über Normen — und darüber, was passiert, wenn man sie verlässt?
Marina kritisiert ihre Eltern nicht.
Sie romantisiert sie aber auch nicht.
Es war hart — aber sie hatten eine schöne Liebesgeschichte. Auch wenn wir nicht genau wissen, wie sie wirklich war.
Sie entscheidet sich dafür, diese Geschichte zu erzählen.
Vielleicht auch, um zu verstehen, woher sie kommt.
Für mich ist der Film weniger eine Kritik —
als vielmehr eine Feier dieser Generation.
Sie haben mit konservativen und katholischen Werten gebrochen.
Und wurden später dafür zum Schweigen gebracht.
Aber sie haben etwas geöffnet,
von dem wir heute noch leben.
„Es ist weniger eine Kritik — als eine Feier dieser Generation.“
Dein Film sucht nach Vergangenheit und Herkunft.
Was verändert sich daran, wenn man selbst ein Kind bekommt?
Seit ich selbst Kinder habe — ich habe gerade mein zweites bekommen —
blicke ich mehr in die Zukunft als in die Vergangenheit.
Aber ich nehme die Geschichte meiner Eltern vollständig an.
Sie definiert mich.
Und sie wird auch meinen Kindern etwas geben.
In meiner Familie gab es viele Väter.
Ich habe eine sehr große Familie — voller komplexer Beziehungen.
Vielleicht kommt genau daher meine Leidenschaft fürs Filmemachen. (lacht)
„Ich blicke mehr in die Zukunft als in die Vergangenheit.“
Deine Filme tragen sehr persönliche Geschichten nach außen — bis in die großen Festivals.
Was bedeutet das für deine Familie?
Wir nehmen es, wie es kommt.
Ja — sie sind stolz.
Aber sie sind auch Teil davon.
Meine Mutter liest meine Drehbücher.
Mein Bruder ist Musiker und hat die Filmmusik gemacht.
Meine Schwester ist Schauspielerin — sie hat in meinen ersten Filmen mitgespielt und mich bei diesem Film als Coach unterstützt.
Auch mein Onkel hat eine kleine Rolle in ROMERÍA.
Es ist also nicht nur meine Arbeit —
es ist etwas, das wir gemeinsam tragen.
„Es ist nicht nur meine Arbeit — es ist etwas, das wir gemeinsam tragen.“
Vielleicht geht es am Ende weniger um Antworten — als um das, was bleibt.
– Stella Dunze