Zwischen uns dein Leben, Flamingos und Meer
© eksystent Filmverleih
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Ein mutiger, tiefsinniger Coming-of- Age-Film, der durch die Ehrlichkeit seiner Figuren und feinsinnigen Poetik beeindruckt.
Regisseurin Alissa Jung dreht einen mitreißenden Film, der so liebenswert und schonungslos ist, dass man ihn einfach nicht vergessen kann.
Er ist eine Momentaufnahme einer modernen Familie, die weder romantisierend noch moralisierend ist, sondern vielmehr eine Versöhnung. Dahinter verbirgt sich die Einzigartigkeit und Schönheit der Geschichte. Und darum ist er einer meiner Lieblingsfilme dieses Jahres, mit einer äußerst attraktiven Besetzung.
Das liegt einerseits an der starken Figur Leo, dargestellt von der talentierten Juli Grabenhenrich, aber auch dem italienischen, mehrfach ausgezeichneten Schauspieler Luca Marinelli, der Leos leiblichen Vater spielt, und bereits durch Hollywoodfilme wie The Old Guard (USA, 2020) internationale Bekanntheit erlangt hat. In seiner Zerrissenheit verkörpert er eine authentische Sympathiefigur.
Die Figuren in PATERNAL LEAVE sind deshalb so spannend, weil sie niemanden gefallen wollen.
Sie widersprechen jedem Klischee, sind verletzend zueinander und mit Fehlern besetzt. Dadurch sind sie so nahbar, echt und liebenswert.
Das Zusammenspiel der prägnanten audiovisuellen Stilmittel zeichnen die einsame Teenagerin Leo, die sich mit ihrer alleinerziehenden Mutter verloren fühlt.
Dass ihre Mutter offensichtlich von Schuldgefühlen geplagt ist, interessiert Leo nicht mehr...
PATERNAL LEAVE. Drei Tage Meer.
AB dem 27. 11. im Kino
„Hi, I’m Leo.”
Leo hat eine Mission. Und sie verfolgt dies mit einer beeindruckenden Stärke und Reife. Sie will ihren leiblichen Vater (Luca Marinelli) in Italien finden, im ehemaligen Urlaubsort ihrer Mutter vor 15 Jahren.
Leos Figur ist keine stereotypische . Sie wirkt zart, aber jungenhaft.
Unscharfe Bilder, in denen Leo versinkt, während sie mit dem Zug nach Italien reist, stellen ihren inneren Zustand dar. Darin, mit der Untermalung von Kae Tempest, liegt etwas Poetisches, womit Jung den Nerv dieser Zeit trifft.
Leo schaut sich auf ihrem Ipad ein Video ihres Vaters an, Auslöser ihrer Reise, das ihre Mutter ihr gezeigt hat. Darin inszeniert er sich als Surflehrer für Kinder und Jugendliche und ideale Vaterfigur .
Leo ist eine ikonische Figur, ohne es zu wissen. Sie sucht nach ihrer Gerechtigkeit. In Italien angekommen blickt sie aufs Meer.
Leo, die Vagabundin, die einen nicht mehr loslässt.
Paolo, Leos Vater, reagiert abweisend auf sie, als sie ihn abends vor seinem Haus überrascht. Er ist in einer Lebensphase, in der er von seiner neuen Partnerin getrennt lebt und mit ihr eine weitere kleine Tochter Emilia hat. Mit ihr möchte er alles richtig machen.
Trotz dieser Kälte gegenüber Leo, die irritierend wirkt, wirkt Paolo sympathisch. Sein Lebensstil ist prekär aus Überzeugung, in einem selbstgezimmerten Haus direkt am Strand. Im separaten Wohnmobil schläft seine zweite Tochter.
Jung zeichnet ein Familienbild Italiens, das sich, wie ihre Figuren, jedem Klischee konsequent widersetzt.
Die winterliche Farbgebung, die Tristesse und Industrielandschaft, zusammen mit der Leere an den sonst mit Touristen überlaufenden Stränden, spiegelt eine andere Seite hinter einer klischeehaften Fassade wider, die bewusst gewählt wurde: als Bild eines inneren Schmerzes.
Leo mit ihrem Vater am See einer Flamingofarm. © eksystent Filmverleih
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„Wusstest du, dass Flamingos Superväter sind?”
Zwischen dem Versuch, seine Tochter wieder loszuwerden, sich zu erklären, ihre Fragen zu beantworten und Leo vor seiner Exfreundin Valeria (Gaia Rinaldi)zu verleugnen, strickt sich ein kurzweiliger, intensiver Film zusammen, der durch Leos Authentizität und Verletzbarkeit, und Paolos harten Zurückweisungen sehr nahe geht.
Die besondere Kunst des Films ist es, diese entfremdete Beziehung zwischen Leo und Paolo so berührend zu erzählen. In kurzen, leisen und unspektakulären Momenten .
Dieser schmale Grat der Ambivalenz zwischen Ablehnung und Zuneigung ist eine beeindruckende schauspielerische Leistung beider Protagonisten.
Ist Paternal Love ein queerer Film? Nicht direkt. Dennoch spielt er mit den fluiden mädchen- und jungenhaften Attributen seiner Figuren. Dies zeigt sich bewusst in Leos neuem Freund Edoardo (Arturo Gabbriellini), der ein kompensierendes Element für Leo ist: Sicherlich für den stärksten Moment im Film, einer Schlüsselsequenz, in der Valeria mit Emilia auftaucht. Diese Konfrontation zeigt sich aus Leos Perspektive, in der sie von ihrem Vater verleugnet wird.
Sie könnte ihn zwar verraten, doch sie tut es nicht. Wenn Leo in einer Duschkabine am Strand ihres Vaters sitzt und das kalte Wasser auf sich prasseln lässt, während Paolo sie von draußen anfleht, nichts zu verraten, trifft das tief ins Herz. Daran Schuld ist eine hervorragende Dramaturgie, die Leo in all diesem Schmerz nicht zerbrechen lässt. Das macht diesen Film aus.
Paternal Leave, mit seinen wundervollen Darsteller*innen, ist ein versöhnlicher und liebenswerter Film, den diese Zeit braucht. Sein liberaler Geist darin befreiend.
Von Stella Christine Dunze
Leo mit ihrem Vater kurz nach ihrer Ankunft vor seinem Haus.@eksystent Filmverleih
Leo mit Valerie und ihrer Halbschwester.@eksystent Filmverleih
HYSTERIA: Mehmet Akif Büyükatalays Thriller über Angst, mediale Manipulation und verdrehte Moral
Frankfurt. Mehmet Akif Büyükatalay präsentierte im Kino Mal seh’n seinen mehrfach ausgezeichneten Thriller HYSTERIA. Anders als klassische Thriller spielt der Film bewusst mit der Hysterie der Zuschauer und überrascht in jeder Szene.
In Schwarz-weiß-Aufnahmen zeigt Büyükatalay den Einbruch maskierter Brandstifter in eine Flüchtlingsunterkunft in Solingen. Das Feuer wird zum Symbol für Fremdenhass, während die Opfer unmittelbar spürbare Verletzlichkeit erfahren.
Im Zentrum steht Elif (Devrim Lingnau), eine junge Filmstudentin türkischer Herkunft. Sie wird Teil eines Projekts von Regisseur Yigit (Serkan Kaya), der die Perspektive der Opfer von Solingen erzählt. Improvisierte Szenen mit Flüchtlingen führen zu dramatischen Situationen – ein echter Koran wird verbrannt, Elif trägt Verantwortung für Filmkassetten und erlebt ein moralisches Dilemma, das die Spannung weiter erhöht.
Büyükatalay verzichtet bewusst auf klassische Täter-Opfer-Profile. Alle Figuren sehen sich als Opfer, getrieben von Stolz, Ehre und moralischen Idealen. Hitchcock-ähnliche Stilmittel und die subtile Manipulation der Zuschauer und Zuschauerinnen erzeugen ein Gefühl permanenter Unsicherheit und Hysterie.
Devrim Lingnau überzeugt als Elif durch Authentizität und Ambivalenz, wodurch sie Macht und Verletzlichkeit gleichzeitig verkörpert. HYSTERIA ist ein Thriller, der lange nachwirkt und die Perspektive auf Opfer, Täter und Zuschauer gleichermaßen verändert.
Der Regisseur arbeitet aktuell an einem Roman und plant einen neuen, romantischen Film. HYSTERIA ist ab sofort in deutschen Kinos zu sehen.
von Stella Christine Dunze
15 LIEBES-BEWEISE
AB DEM 4. 12. IM KINO.
IN CHOPINS WALZER eine konstante trauer
Alice Douards meisterhafter Film ist das mutige Manifest einer Liebe, die universell ist.
Vielmehr als eine Komödie ist es ein poetisches Drama. Eine Versöhnung zwischen Mutter und Tochter.
Der Film schert sich wenig um konservative Dogmen, sondern begreift sich selbst wie seine Protagonistinnen:
als Selbstverständlichkeit.
Wie definiert sich Muttersein? Regisseurin Alice Douard hat einen hoch politischen Film gedreht mit einer überragenden darstellerischen Leistung von Ella Rumpf.
Céline Steyer (Ella Rumpf) lebt mit ihrer Frau Nadia(Monia Chokri) im 19. Pariser Arrondissement, im 10. Stock eines Hochhaus Ghettos. Im Film symbolisiert es etwas anderes:
die Eintönigkeit einer ganzen Gesellschaft. Mit Céline und Nadia wird sie bunt und irgendwie glamourös.
Die gleichgeschlechtliche Ehe wurde von der Nationalversammlung legalisiert. Céline erwartet mit Nadia (Monia Chokri), die das Baby austrägt, ein Mädchen, das in einem Monat zur Welt kommt.
Sie sind ein cooles Paar, das selbstbewusst seine Liebe zeigt. Nadia arbeitet als Zahnärztin in einem Krankenhaus.
Der Kampf gegen die Tabuisierung ist ausgefochten. Céline schildert einer Mitarbeiterin des Familiengerichts, dass sie ihre Tochter nach der Geburt adoptieren möchte.
Die Mitarbeiterin versorgt Céline mit Ratschlägen, da das Baby, trotz Ehe, kein automatisches Elternrecht für sie bedeutet. Céline wird als Pionierin des neuen Gesetzes bezeichnet und muss für die Adoption 15 Stellungnahmen, oder Liebesbeweise, nahestehender Personen aus der Familie oder Freundeskreis vorweisen, ebenso Dokumentationen einer Beziehung, wie Familien- oder Urlaubsfotos. Die Personen müssen Célines Eignung für eine verantwortungsvolle Mutter bestätigen.
Célines einzige Familienangehörige, ihre Mutter Marguerite Orgen ( Noémie Lvovsky), ist eine berühmte, egozentrische Größe, die gleichzeitig eine emanzipierte Großbürgerin, in all ihrer freigeistigen Abgehobenheit verkörpert. Sie lebt in einer anderen Welt und versinkt in ihr, zusammen mit Beethoven, Chopin oder Schumann. Eine Flucht vor der Banalität des Lebens. Oder vor jener Mutterfigur, Célines Kindheitstrauma, wenn sie alleine im Hotel bis spät in die Nacht warten musste und dann mit ein paar Erdnüssen abgefertigt wurde. Ihre Fähigkeit, zu lieben, zeigt sich auf eine andere, eigenwillige Art.
Wie Noémie Lvovsky diese Frau spielt, ist eine Faszination.
Nadia und Céline bei Freunden. Sie unterhalten sich über den Samenspender und die Schwangerschaft.
Céline ist DJ und Tontechnikerin für verschiedene Bands. Der Film lebt von stimmigen, harten Technoszenen, in denen Céline auflegt. Sie sind stimmungsstark und imposant, in denen die Protagonistin Kontrolle und Macht verkörpert.
Ein wunderschöner Schlüsselmoment ist auch, wenn beide Frauen in einem überfüllten Club tanzen und sich ihre Blicke zu "You & Me" von Eliza Doolittle treffen.
Nichts unterscheidet die beiden Protagonistinnen von einem heterosexuellen Paar. Ihre Zweifel und Ängste, ihre Streitigkeiten und ihre Liebe vor der Geburt ihres ersten Kindes sind universell. Ihr Mut und das Risiko, das sie tragen, hingegen nicht. Beide Frauen müssen füreinander alles riskieren.
Ihr Lebensstil wirkt instabil, doch bleibt der Wille für eine gemeinsame Familie die Konstante. Die Alltagssituationen spiegeln ein prekäres Dasein. Dabei lieben sie sich bewusst und hemmungslos. Nadia wirft Céline vor, ihr wildes Partyleben ungestört weiterzuleben, während sie zu Hause alleine hocken muss. Nadias Ängste unterscheiden sich wenig von anderen werdenden Müttern.
Ella Rumpf spielt diese Rolle so herausragend und nuanciert, dass man in ihren Gesichtszügen und feinen Regungen sogar die Gedanken ihrer Figur lesen kann.
Der Wechsel zwischen Hochhauswohnnung und Pariser Stilaltbau ihrer Mutter zeigen, dass die Menschen in ihren unterschiedlichen Milieus nicht pauschalisiert werden können.
Die Dialoge sind witzig, tiefgründig und authentisch.
Und was ist an der Mutterschaft so besonders?
Célines Hetero- Freunde jedenfalls vermiesen beiden Frauen jegliche Illusionen. Da Nadia ihr Baby über einen anonymen Samenspender in Dänemark eingeführt bekam, führt dies zu typischen Diskussionen. Um das Muttersein zu üben, wird Céline ins kalte Wasser geschmissen.
Sie babysittet die Tochter und das Baby ihres Freundes Francois (Julien Gaspar-Oliveri).
Im Kern geht es nicht nur um 15 Liebesbeweise für Célines Beziehung zu Nadia, sondern auch um 15 Liebesbeweise von Marguerite, wie das Titelbild des Films suggeriert. Douard gelingt es in dieser Vielschichtigkeit eine zweite, viel komplexere Liebesgeschichte zu erzählen: die zwischen Mutter und Tochter.
In dieser kritischen Figur spiegelt sich der Diskurs über das richtige Muttersein wider: Denn eigentlich ist Célines Mutter der Widerspruch zu jeder traditionellen Mutterfigur. Und dennoch, trotz ihre vielen Fehler, die Céline ihr vorwirft, der größte Liebesbeweis.
“Hast du’n Trockner? Ohne den geht's nicht." (Francois)
Das beweist Marguerite, die sich eigentlich nichts mehr wünscht, als dass Céline das Baby austrägt. Sie geht nach der ersten Euphorie enttäuscht zurück an den Flügel:
„Dann richte ihr meine Glückwünsche aus. Es ist toll, schwanger zu sein." Sagt die Frau, die niemals anwesend war und versinkt gleich wieder in ihre Musik.
Noémie Lvovsky füllt diese Rolle in all ihrer Selbstsucht und Zweischneidigkeit mit absoluter Hingabe aus.
"Ich habe Angst, es nicht zu lieben. Und manchmal denke ich, ich werde es zu sehr lieben." (Céline Steyer)
Céline kümmert sich um ihre Mutter und dadurch baut sich zaghaft, auf teils witzige Weise, eine Annäherung auf. Sie vermutet, dass Céline Geld von ihr braucht: Doch es ist nur ein Schreiben für das Gericht.
15 LIEBESBEWEISE ist ein Meisterwerk der schauspielerischen Leistung und Dramaturgie. Alice Douard provoziert und fordert ihre Zuschauer*innen heraus, über ihre eigenen Vorurteile nachzudenken.
Mit Sicherheit verändert dieser Film auch die Art und Weise, Beethoven zu hören.
15 LIEBESBEWEISE lief auf dem Filmfest Hamburg und gewann den Publikumspreis und hatte seine Premiere auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes. Er wurde für die Queer Palm nominiert.
Hauptdarstellerin Ella Rumpf wurde bekannt u.a. durch das Horror-drama RAW (2016) in der Rolle der Alexa sowie die Rolle der Tiger in TIGER GIRL (2017). Zudem ist sie neben Angelina Jolie in dem diesjährigen Film COUTURE (2025) zu sehen.
Wir sprachen im Interview über ihre Rolle in 15 LIEBESBEWEISE und die Dreharbeiten zu COUTURE (2025). Von Stella Christine Dunze
Highlight ist eine Szene in der Wohnung von Francois, als sie in Abwesenheit der Eltern, das Baby baden muss. In diesen Momenten entpuppt der Film sich als Komödie und Douard verzaubert durch ihre
pointierten und feingeistigen Dialoge. Dabei verwandelt Céline das Kinderbett in einen Schlafwagen, weil das Mädchen Bahnhof spielen möchte, und zeigt, dass mütterliches Feingefühl zwar angeboren ist, aber nicht zwangsläufig für ein leibliches Kind.
"Dann richte ihr meine Glückwünsche aus. Es ist toll, schwanger zu sein." (Marguerite Orgen)
Céline und Nadia spielen in einer Bar Billard. Dabei macht sich einer der Männer über beide lustig.
Céline bei ihrer Mutter, während sie sich um sie kümmert.
YI YI
A one and a two
©rapid eye movies
Narrative der Einsamkeit- Die stille Vergänglichkeit in Yi Yi
YiYi von Regisseur Edward Yang (1947-2007) ist ein Meisterwerk des Weltkinos und kommt ab dem 18. 12. in einer restaurierten 4k-Version in die Kinos.
Der Film wurde von der New York Times als einer der 100 besten Filmen des 21. Jahrhunderts gekürt und gewann im Jahr 2000 bei der Weltpremiere in Cannes den Preis für die beste Regie.
YiYi- A one and a two zeigt anhand des Portraits der taiwanischen Familie Jian, in einer philosophischen Reise den Kreis des Lebens und die Melancholie als einen stillen Begleiter über jedem kurzweiligen Glücksgefühl.
Es ist ein tiefsinniger Film über die Vergänglichkeit, die verlorene Liebe und zerstörte Träume. Edward Yangs meisterhafte Bildsprache verzaubert mit einer stilistisch einzigartigen Ästhetik, die mit eleganter Präzision umgesetzt wurde.
Es beginnt mit den Vorbereitungen einer Hochzeit, für den offiziellen Tag des Glücks, wie ihn der Bräutigam bezeichnet, einem gelangweilt aussehenden Brautpaar, einer Hochzeitsgesellschaft im Park und spielenden Kindern.
Die Oma der Familie Lian sitzt unter einem alten Baum, einem Symbol ewigen Lebens.
Ein Raum mit rosa Luftballons, der kleiner Junge Yang-Yang (Jonathan Chang), der als stiller Voyeur das Leben der Erwachsenen absorbiert und in abstrakte Kunst filtert. YiYi ist ein Film der Gegensätze, die sich ineinander bahnen. Yang zeigt Licht nur des Schattens wegen; eine Geburt für den Zerfall.
Hochzeitsvorbereitungen werden von einer hysterischen Ex-Geliebten gestört, die sich verzweifelt der Großmutter zu Füßen wirft. Das Porträt der zukünftigen Eheleute steht auf dem Kopf. Sie schreit, es sei eine Schande, schwanger zu heiraten.
Yangs Geschichte ist eigentlich eine Geschichte über die Liebe, die nur heimlich existiert, gefangen im Schicksal ewigen Unglücks, ihrer Vergänglichkeit, des Schmerzes und Ausweglosigkeit. Wie das Leben, endet auch sie mit dem Tod.
Während der Hochzeit des Bruders Ah-Di (Chen Hsi-sheng),trifft der verheiratete N.J.(Wu Nien-jen),Vater des kleinen Jungen Yang Yang und einer Tochter Ting Ting (Kelly Lee) im Teenageralter, zufällig auf seine erste große Liebe A-Sui Breitner (Ko Su-yun) in der Lobby des Hotels, wo die Feier stattfindet.
Sie lebt jetzt in den USA, sei verheiratet und geschäftlich in Taipeh und reicht ihm ihre Visitenkarte für ein Treffen. N.J. ist niedergeschlagen. Aufgewühlt fragt sie ihn, warum er damals nicht mehr zu ihr gekommen sei.
Die Stimmung der Hochzeitsgesellschaft ist im Keller, der kleine Yang Yang läuft herum und lässt einen rosa Herzballon platzen. Die Mädchen weinen.
Am „Glückstag” von Ah-Di erleidet die Oma zuhause einen Schlaganfall und muss fortan in der Wohnung der Lians gepflegt werden. Damit sie schnell genesen kann, sollen alle Familienmitglieder ihr jeden Tag am Krankenbett etwas aus ihrem Leben erzählen. Dies erweist sich als schwierige Aufgabe, in dem Bewusstsein, dass nichts wirklich Bedeutendes in ihren Leben passiert.
Familie Lian lebt in einem Hochhaus und Regisseur Edward Yang zeichnet den seelischen Zustand der Bewohner als Abriss einer ganzen Gesellschaft. Dabei gilt der Hausflur als Begegnungsstätte und Zensur. Hinter den Türen verbergen sich familiäre Dramen und Einsamkeit.
Yangs Figuren bewegen sich hinter einer äußeren Fassade. In ihren Wohnungen sind sie allein, im Halbdunkeln. Seine Mise en Scène ist stets eine Komposition der Melancholie im urbanen Raum, die tief berührt und universell ist.
„Man lebt dreimal länger, seitdem das Kino erfunden wurde." Die Filme geben uns doppelt so viel, wie das, was wir täglich erleben."
Auffällig ist, dass es keine Intimität zwischen den Figuren gibt. Die Handlung besteht aus drei verschiedenen Erzählsträngen: das Wiedersehen zwischen N.J. und A-Sui in Japan, das Liebesdreieck von N.J.s Tochter Ting-Ting, ihrer Freundin Lilli und einem Jungen namens Speckbauch und das Liebesglück der neuen Eheleute, das schnell zu bröckeln beginnt.
Yang verzahnt die Liebesgeschichte zwischen N.J. und A-Sui mit der von N.J.s Tochter als bildliche Reinkarnation .
Sie alle sind gefangen in ihren Ängsten und Sehnsüchten und das Unglück erscheint als stetige Wiederholung.
„Du traust dich nie! Du hast mich nie geliebt!"
Mit Bildern von urbanen Bahngleisen, die sich ineinander winden und wieder auseinander gewegen, mit ihren Zügen darauf, symbolisiert der Regisseur beeindruckend den Verlauf des Lebens mit seinen Beziehungen. Jedes seiner Bilder ist eine einzigartige Komposition.
„Oma, warum ist die Welt so anders als in unserer Vorstellung?"
Der Film, der sein 25. Jubiläum feiert, hat an Aktualität nichts eingebüßt. Er spiegelt die verlorene Aufrichtigkeit in einer schnelllebigen, kapitalistischen Gesellschaft wider, in der Liebe ihre Seele verloren hat und zum Statussymbol verarmt. Er ist eine Gesellschaftskritik am modernen Kapitalismus und öffnet das Bewusstsein für die Vergänglichkeit des eigenen Lebens im Zustand ewiger Reinkarnation.
Edward Yang befasst sich mit den existenziellen Fragen des Lebens in einer beeindruckenden Bildsprache. Die Melancholie des Films wird zum Hochgenuss. Yi Yi- A one and a two ist der ideale Ausklang zum Jahresende. Von Stella Christine Dunze