Die Unsichtbaren sind wir-
Eine visuelle Meditation
„What can you teach? Not art. That’s impossible.”
Eine Protagonistin verbirgt sich – als Symbol ihrer eigenen Unsichtbarkeit. An invisible. Eine Unsichtbare.
Alle Protagonist*innen des Films sind Außenseiter*innen der Gesellschaft: bunt, frei, sinnlich, anders.
Ihre Körper tragen die Spuren seelischer Erkrankung von Geist und Körper, hervorgebracht durch Sublimierung und emotionale Ausbeutung im westlichen Kapitalismus. Ausdruck findet dieser Zustand im Butoh-Tanz.
Mit INVISIBLE PEOPLE legt Regisseurin Alisa Berger hat einen eindrucksvollen Experimentalfilm vor, der sich der Frage nach Unsichtbarkeit in einer leistungsorientierten Gesellschaft widmet. Im Zentrum stehen Menschen, die aus sozialen Normen herausgefallen sind – Außenseiter*innen, die im Butoh-Tanz einen Ausdruck für seelisches Leid und Selbstermächtigung finden.
Der dokumentarische Film arbeitet mit wechselnden Erzählperspektiven und einer dichten Montage abstrakter Bilder. Berger verwebt die Geschichten ihrer Protagonist*innen mit eigenen subjektiven Erfahrungen und verzichtet bewusst auf eine klassische Erzählstruktur. Gedreht in Tokio und ländlichen Regionen Japans, entfaltet der Film eine atmosphärische Reflexion über Scheitern, Anpassung und Selbstverlust.
„Nobody ever defined what invisible peoole are." („Niemand hat jemals definiert, was unsichtbare Menschen ausmacht.")
Starke Einzelbilder prägen den Film: ein Tänzer, dem Wasser bis zum Überlaufen eingeschenkt wird; ein gescheiterter Regisseur, der sein letztes Geld für eine Vorstellung von Pina Bausch ausgibt, erzählt im Voiceover.
Der Film macht deutlich: Die kapitalistische Gesellschaft reagiert auf wahren Individualismus mit Unsichtbarkeit statt Empathie, in der Ausweglosigkeit mit Vermarktung. Voyeurismus als Ersatzhandlung. Was sichtbar wird, wird objektiviert – bis zur Erschöpfung.
Thematisch setzt sich INVISIBLE PEOPLE kritisch mit seelischer Ausbeutung auseinander. Die Gesellschaft reagiert auf das Andere mit Exotisierung und Ausgrenzung. Der Butoh-Tanz bildet das Animalische als eine unterdrückte Seite der Menschen ab– roh, erotisch, schmerzhaft und kompromisslos.
Begleitet von elektronischer Musik entfaltet der Film eine intensive, eindringliche Bildsprache. INVISIBLE PEOPLE ist keine leichte Mainstreamkost, sondern eine Auszeit vom alltäglichen Mühlrad des Leistungsdrucks – insbesondere für Liebhaber*innen experimenteller Filmkunst.Stella Christine Dunze
©Alisa Berger